DER VERHÜLLTE GOTT
Die Archäologie auf dem Weg zur keltischen Religion

Lange Jahre war das wissenschaftliche Bild der Kelten von Vorurteilen geprägt, die die Kelten als primitives Volk von Wildschweinfängern abstempelte.
Notgrabungen im Rahmen der großen europäischen Bauvorhaben (ICE-Trasse, TGV-Trasse, neue Autobahntrassen im Osten) haben die Fundsituation vollkommen verändert – und damit das Bild der Kelten.
Zum ersten Mal beginnt sich die Wissenschaft gezielt und konzentriert mit der keltischen Vorstellungswelt und der Religion auseinanderzusetzen. Dabei sind erstaunliche Dinge ans Licht gekommen, die ich hier zusammenfassen möchte.
Wie allgemein bekannt ist, gibt es keine unmittelbaren Schriftzeugnisse der Kelten, da sie es vorzogen, Wissen ausschließlich mündlich zu überliefern (wie Pythagoras, mit dessen Wissen die Kelten nachweislich Kontakt hatten). Es gibt lediglich Überlieferungen der Griechen und der Römer (etwa von Cicero, der sich von einem keltischen Druiden in der keltischen Wahrsagekunst unterweisen ließ und sehr beeindruckt vom Wissen der Druiden war).
Mit der neuen Fundsituation sind jedoch Bildzeugnisse aufgetaucht, die nahe legen, dass die Kelten sehr viel mehr als vermutet hinterlassen haben – aber nicht in Schriftform oder klaren Darstellungen wie auf dem Kessel von Gundestrup, sondern in Form sehr komplexer und absichtlich mehrfach deutbarer Abbildungen.
Bereits vor Jahren war auch auf wissenschaftlicher Seite anerkannt worden, dass auch in der sehr reichen keltischen Ornamentik offensichtlich sehr viel mehr steckt, als man das ursprünglich eingestehen wollte. So schreibt Otto-Herrmann Frey: „Diese flüchtigen Zeichnungen, die das Unbestimmte, Zweideutige zum Stilmittel erheben, wurden von dem bedeutenden Archäologen Paul Jacobsthal als Cheshire-Stil bezeichnet. Er fühlte sich dabei an die Traumwelt erinnert, in die das Kinderbuch von Lewis Carol, „Alice im Wunderland“, versetzt. Dort erscheint oder verschwindet die Cheshire-Katze auf den Zweigen eines Baumes, wobei, noch ehe sie selbst Gestalt gewinnt, schon ihr Grinsen sichtbar wird“. [1]
Was bisher Annahme war, wird nun auch zur wissenschaftlichen Gewissheit. So werden allgegenwärtige Ornamente, die bisher als „Greifenmotiv“ gedeutet wurden, nun als Darstellungen von göttlichen Gesichtern interpretiert. Ein Beispiel ist die folgende Abbildung von einer Schwertscheide – dieses Ornament wird millimetergenau immer wieder verwendet, im gesamten keltischen Siedlungsraum von Ungarn bis Spanien.

Die Ornamentik dieses Bildes wurde als gegeneinander gespiegelte Greifen interpretiert, bis Wissenschaftler auf die Idee kamen, sie als Gesichter zu sehen. Wer die Arbeiten von Marko Pogačnik kennt, wird in der Darstellung oben das erkennen, was Pogačnik u.a. „Kosmogramme“ nennt – er stellt so Naturwesen dar.
Auch andere keltische Darstellungen bekommen mehr Sinn, wenn man sie unter diesem Aspekt betrachtet. Sie entsprechen vor allem der Weise, wie Gottheiten und Wesen bis heute in der Natur wahrgenommen werden – bei Naturreligionen zum Beispiel.


Durch diese neue „wissenschaftliche“ Sichtweise haben Abbildungen, die bisher als reine Ornamente beiseite gelegt wurden, eine ganz neue Bedeutung in der Archäologie bekommen und werden neu bewertet. So hat ein in Südfrankreich gefundener „Prunkhelm“ neue Bedeutung gewonnen. Bisher wurde er nur als Meisterwerk keltische Goldschmiedekunst betrachtet – doch nun gehen die Archäologen davon aus, dass der gesamte Helm nur einem Zweck diente: Das „verborgene Gesicht“ einer Gottheit darzustellen. Das Schlüsselstück dazu ist ein Teil des Helms, der die Wange bedeckt. Sieht man genau hin, entdeckt man in dem Stück einen Kopf bzw. ein Gesicht – das einer Schlange:


Sieht man noch genauer hin, dann ist im rechten Auge des Gesichts wiederum eine Schlange mit Widdergehörn zu erkennen:

Vergrößert man auch dies Detail, dann wird deutlich, dass der Kopf der Schlange im Auge dem „ornamentisierten“ Gesamtkopf gleicht:


Die Archäologie ist noch weitergegangen – sie hat eine Parallele vom Bild der Schlange zur berühmten Darstellung des Cerunnos auf dem Kessel von Gundestrup gezogen: Dort sitzt Cerunnos zwischen Hirsch und Wolf und hält in seiner rechten Hand eine Torque, in der linken eine widderköpfige Schlange.

Die Kelten haben die Natur und ihre Wesen so gesehen, wie das bis heute alle Menschen tun, die sich eng mit der Natur verbunden fühlen – aus der Natur heraus und als Teil der Natur.
Es ist beachtlich, dass die Archäologie und die Wissenschaft den Weg dorthin gefunden haben – und es ist zu hoffen, dass sie diesen Weg weiter gehen. Vielleicht können wir sie dabei unterstützen.


Dass die Kelten ihr Wissen in bildlichen Darstellungen verschlüsselt haben, zeigen auch andere Funde – Funde, die bereits vor längerer Zeit gemacht wurden. Erst heute finden sich Wissenschaftler, die den Mut haben, die Funde neu zu interpretieren. Da ist zum Beispiel die berühmte Bronzescheibe von Cuperly.

Noch vor kurzem wurde über sie – ebenfalls von O.-H. Frey – geschrieben: „Solche relativ einfachen Zirkelkonstruktionen…“ [2]. Die französischen Historiker Marc Bacult und Jean-Loup Flouest haben versucht, diese „einfache Konstruktion“ nachzuvollziehen und sind dabei auf solche Schwierigkeiten gestoßen, dass sie zu dem Schluss kamen, dass handfeste mathematische und geometrische Kenntnisse dafür nötig sind – Kenntnisse, die man eigentlich nur Pythagoras und den Griechen (die mit den Kelten in enger Verbindung standen – kulturell und in Form von Handelsbeziehungen) zugetraut hätte. Um das Muster auf der Scheibe oben zu erzeugen, müssen 190 Kreise und Kreisbögen mit äußerster Genauigkeit konstruiert werden. Der eine oder andere könnte sich an die Blume des Lebens von Drunvalo erinnert fühlen.
Mehr noch – in der Konstruktion steckt die Intervallehre von Pythagoras. Betrachtet man die Darstellung der Intervalllehre oben, so sieht man, dass die Intervalle in den Zahlen 8 und 27 enden. Das Innere der Scheibe von Cuperly besteht aus einem geachtelten Hintergrund mit 27 Hauptkreisen.

Übrigens: Cicero hielt die Druiden für Pythagoräer – für Menschen mit einer pythagoräischen Weltbild bzw. einer pythagoräischen Bildung.
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Literatur
[1] Das Keltische Jahrtausend, Prähistorische Staatssammlung München, 1993, S. 162
[2] Aufsatz von Otto-Herrmann Frey in „Die Kelten in Mitteleuropa“, Salzburg 1980, S. 84