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Orte der Kraft - Prinzipien eines sanften und nachhaltigen Umgangs
Sagen und Mythen sind fast immer mit bestimmten Orten, mit einer Region, verbunden. Sie beschreiben das Wesen besonderer, heiliger Plätze. Die Hinweise der Sagen und Mythen können zur Grundlage der
eigenen Arbeit mit den Orten der Kraft werden. Im Zuge eines zunehmenden Mytho- und Kultplatztourismus wird immer häufiger auf die negativen Folgeerscheinungen dieses Trends hingewiesen, der auch zu einer Verkommerzialisierung
und Ausbeutung der starken Plätze führt(e). Heiligtümer, die vom mythischen Bewußtsein unserer Vorfahren zeugen, sollen für die nach uns kommenden Generationen erhalten werden. Aus diesem Grund werden Touristen, die sich
auf die Spuren der Mythen und Kultplätze heften, ersucht, folgende Kriterien zu berücksichtigen, die für eine sanfte, nachhaltige Nutzung der Orte der Kraft bedeutsam sind:
- Entgegen einer weit verbreiteten Meinung sind Orte der Kraft nicht dazu da, um von ihnen Energie »zu holen«; sie sind keine Tankstellen für ausgehungerte Seelen. Vielmehr benötigt der
richtige Umgang mit diesen Plätzen den Prozeß des Gebens und Nehmens: Opfern und Danken ist untrennbar mit einer sinnvollen Kontaktaufnahme mit Kultplätzen verbunden.
- Nicht die Quantität, sondern die Qualität entscheidet. In früheren Epochen wohnten die Menschen fast nie unmittelbar bei den Orten der Kraft. Sie zogen im Gefolge einer Wallfahrt oder
Pilgerschaft hin, verrichteten ihre Zeremonien und zogen weiter. Wenn Sie unsere mythischen Orte besuchen, ist es oft sinnvoll, hinzugehen, zu spüren, zu danken und wieder weiterzuwandern. Sie müssen die Orte der Kraft
nicht belagern. Die von diesen Plätzen ausgehende Inspiration kann auch noch nach Tagen in einem Traum zu Ihnen kommen – wenn die Inspiration dies will; nicht, wenn Sie dies unbedingt wollen!
- Heilige Plätze suchen Hüter, nicht Konsumenten.
Wenn Sie wissen, daß Orte der Kraft durch Straßenbau oder geplante Kraftwerke etc. bedroht sind, engagieren Sie sich, um diese energetisch und geomantisch unverantwortlichen Vorhaben zu verhindern. Jeder vernichtete Kultplatz, jeder verwüstete Ort, der von alten Mythen und Sagen kündet, ist ein spiritueller und oft auch ökologischer Raubzug auf Kosten unserer Kinder und Enkel.
- Viele wundersame Orte sind Quellen der Kraft für die Landschaft und die Einwohner einer Region. Bestimmte Wallfahrtskirchen oder Flurdenkmäler, die oft an geomantisch bedeutsamen Punkten
stehen, sind Bezugspunkte für die Identität der Bewohner; auch, wenn dieser Bezug oft unbewußt oder »nur« im emotionalen Bereich angesiedelt ist. Respektieren Sie bitte als Tourist die Gefühle der heimischen
Bevölkerung gegenüber ihren heiligen Orten! Dann werden sich vermutlich auch die Einheimischen freuen, wenn Sie Interesse für ihr Land zeigen.
- Regional gebundene Orte der Sagen und Mythen sind nicht von der übrigen Landschaft losgelöste »Höhepunkte« oder Sensationen. Jede Region bildet einen einheitlichen Lebensraum, in dem sich
Ökologie, Wirtschaft, Geschichte und soziale Gegebenheiten mit spirituellem Brauchtum verbinden. Wenn Sie örtliche Kraftplätze aufsuchen, dann fördern Sie bitte die dazu gehörende Region durch Einkauf bei den Bauern
(»Direktvermarktung«) sowie in Gewerbebetrieben und Geschäften, die in regionaler Hand sind. So tragen Sie zu einer ganzheitlichen Revitalisierung der Region bei.
- Seien Sie lernbegierig: Wenn Sie einen alten Kultplatz besichtigen – welche Geschichte hat er aufzuweisen? Welche Bedeutung hat(te) er für die Geschichte der Region? Wird er heute noch
genutzt? Welchen ganzheitlichen Stellenwert kann er für die Region haben? Beschäftigen Sie sich bitte mit der Gegend, die Sie bereisen. Lernen Sie neben den Orten der Kraft auch Land und Leute kennen. So überwinden Sie
das trennende Teilwissen und gelangen zu echter ganzheitlicher Sicht.
- Versuchen Sie nicht, von Einheimischen zwanghaft Hinweise auf Felsritzungen und mythische Plätze zu erhalten. Es gibt viele solcher Orte, die auch heute noch von einer Familie oder einem
kleinen Ortsteil »genutzt« werden bzw. einzelnen als Orte der Besinnung dienen. Lassen Sie es zu, daß diese »stillen« Orte der Kraft im Schatten des Geheimnisses bleiben und nicht in das Licht der allgemeinen
Bekanntheit rücken. Gerade heute, wo wir einen regelrechten Kultplatzboom haben, benötigen wir solche stillen Plätze, die Sie ohnehin rufen, wenn es so sein soll. Beschränken Sie sich bitte auf die bekannten Plätze und
auf das, was Ihnen der »Zufall« oder die Inspiration weisen.
Seien Sie kein Kultplatz-Vampir und kein Mytho-Zombie! Unsere Zeit verlangt auch im Bereich des Mytho-Tourismus und Kraftplatzbooms den respektvollen, mündigen, verantwortlich handelnden Menschen!
Die Einwohner einer Region und Ihre eigenen Nachkommen werden es Ihnen danken!
Diese Prinzipien zum sanften, nachhaltigen Umgang mit den Orten der Kraft wurden vom Arbeitskreis für Bioregionalismus und spirituelle Ökologie (Bad Aussee) im August 1995 erstellt.
Kontaktadresse: AK Bioregionalismus & Spirituelle Ökologie, Grubenstr.15, A-8990 Bad Aussee, Tel. 03622/53016
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Es bahnen sich zweierlei Extreme an. Zuerst ist es die weitere Mutation und Degeneration des Älplers, die folkloristisch-touristische Raffgier, das weitere Erbauen von Aufstiegshilfen in die
höchsten und schönsten Gebirgsregionen , “das Erschließen” letzter Ferner-Schönheiten, das geistige Verkümmern der massentouristisch begrenzten Hoteliers-Hirne, das Dahinweichen des Geistes und der Poesie sowie das
erschreckende Zunehmen der neuen “Kulte” in den Alpen mit Snow-Mythos und Betten-Wahn, allesamt eingebunden in eine neue Sehnsucht des Menschen nach Wurzeln und Geborgenheit, nach der Wiedergewinnung der eigenen
Überschaubarkeit und Gestaltbarkeit. Wehe aber diesen Snow-Helden und miserablen Heimatzerstörern!....
...Was wird dem gegenüberstehen? Ein intensives Wurzelsuchen, ein beständiges Nachforschen, ein Wiederentdecken alter Steine, Mahnmale, Bergweisheiten, Kräuterkundigkeiten und Überlebensmöglichkeiten. Es wird sich ein
ungeheures Anwachsen der KULTUR- und BÜRGERINITIATIVEN ergeben, zwangsläufig, wegen der notwendigen Konfrontation mit den uneinsichtigen Brutalzerstörern. Diese über die ganzen Alpen und solidarisch in alle
Urlaubsländer sich wie im Schneeballsystem ausbreitende MÜNDIGKEIT & EMANZIPATION wird immer mehr erstarken und wird etablierten Organisationen nach und nach den Garaus machen. Tausende junger Menschen werden
wurzelsuchend die STARKEN PLÄTZE der Regeneration und des Krafttankens aufsuchen, werden sich hundertfach zusammenschließen und ein neues Leben erproben: auf Almen beim Käsemachen und Geistergeschichten erzählen; beim Tanz
um Mythos und Schalenstein. Und es kann von dieser postmateriellen Denkweise und von diesem ANDEREN LEBEN eine neue Kraft ausgehen. Wir stehen am Beginn einer Entwicklung. Wenn unsere Wälder und Bergtäler, Almen und
Alpenrosensträucher, Farne und Arnikawiesen tot sind, ökologisch tot und vergiftet, wenn unsere Parade-Tourismus-Folkloreälpler ebenfalls tot sind, also hoffnungslos degeneriert, geistig-musisch tot, dann ist die Chance
gekommen für MYTHOS & KULT in den Alpen. Wir erleben eine neue Zeit.
Hans Haid - Mythos und Kult in den Alpen, 1990 - Verlag rosenheimer
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